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Die Zukunft kommt rollend

Seit letztem Sommer produziert die Vogt-Schild Druck AG mit einer hochmodernen 16-Seiten manroland Rotoman DirectDrive-Rollenoffsetmaschine. Es ist mehr als nur eine Ersatzinvestition. Vogt-Schild-Druck-Geschäftsführer Rolf Steiner spricht stolz von der «weltweit modernsten Druckintegration».

Die Rotoman DirectDrive soll der Vogt-Schild Druck AG die Zukunft sichern.

Schaut man sich die grundlegenden Fakten an, so erscheint die Investition von einem tiefen zweistelligen Millionenbetrag in eine neue Rollenoffsetmaschine und die bauliche Erweiterung der Räumlichkeiten durch die Vogt-Schild-Druck AG quer in der Landschaft zu stehen. Rollenoffset, das bestreitet keiner, ist eine praktische Technik, die wenn man sie auf den einzelnen A4-Bogen runterbricht, das kostengünstigste Druckverfahren überhaupt darstellt. Doch damit verbunden sind im Vergleich mit dem Bogenoffset deutlich grössere Basiskosten, die in Zeiten sinkender Auflage ein Problem darstellen. Was nützt es, wenn wie beispielsweise auf der neuen manroland Rotoman DirectDrive der Vogt-Schild Druck AG pro Stunde 65 000 fertig ausgerüstete drahtgeheftete 16-Seiten-Broschüren produziert werden können, wenn eine Vielzahl der heute in Auftrag gegebenen Druckaufträge gar nicht mehr solche Auflagen erfordern? Dementsprechend ist die Anzahl von mit Rollenoffset im Akzidenzdruck arbeitenden Schweizer Anbietern seit dem Jahr 2000 stark geschrumpft. Es sind nur noch eine Handvoll Rollenspezialisten übrig geblieben. So manch eine ehemalige helvetische Rollendruckerei ist im letzten Jahrzehnt auf den 70 × 100 Bogendruck umgeschwenkt.

Der Rollenmann

Das alles ficht Rolf Steiner, Geschäftsleiter der Druckerei aus Derendingen, nicht an. Im Gegenteil: «Wie viele andere Rollendruckereien, haben wir eine eigene Mehrfarbenbogenmaschine, auf der wir ausschliesslich Umschläge und ganz kleine Aufträge oder Spezialitäten drucken. Mit der neuen Rotoman DirectDrive können wir nun auf der Rollenmaschine bis zu einer Grammatur von 160 gm2 Umschläge produzieren – natürlich nicht alle – aber doch für grössere Auflagen Deshalb bin ich mir gar nicht sicher, ob wir jemals noch in eine neue Bogenmaschine investieren werden.» Diese Aussage sitzt, doch Rolf Steiner setzt noch einen obendrauf: «Alle sagen mir, die Rolle brauche es in der Schweiz nicht mehr, dies weil einerseits die Auflagen immer mehr sinken und der Rollenoffset im Vergleich zum Offsetdruck viel zu unflexibel sei und man nicht auf allen Papiersorten drucken kann. Doch bei genauer Betrachtung der Materie stimmt das nicht. Moderne Rollenmaschinen wie unsere Rotoman DirectDrive sind schon, je nach Umfang der Broschüre, bereits bei einer Auflage von 3000 Ex. gleich wirtschaftlich wie der Bogenoffset. Nehmen wir das Beispiel einer 16-Seiten-Broschüre. In einer Stunde können wir 65 000 fertig ausgerüstete Broschüren produzieren. Auf einer leistungsfähigen 10-Farben-Bogenmaschine im 70 × 100 Format braucht man nur für den Druck 3,5 Stunden, gefalzt oder geheftet ist da noch gar nichts. Natürlich brauchte es auf Seiten des Rollendrucks Verbesserungen, um die mit dem Verfahren verbundenen Nachteile zu beseitigen: Makulaturverbrauch, teure Einrichtzeiten und Einschränkungen beim Papier. Genau hier wurden in den letzten Jahren durch die deutlich verbesserte Mechatronik und Digitalisierung mindestens genau gleich grosse Fortschritte erzielt wie im Bogenoffset. Nur wird das von den meisten gar nicht zur Kenntnis genommen.»

Neun Highlights

Die Aussagen Rolf Steiners dürften manchen verblüffen oder sogar zur Widerrede animieren. Doch man muss sehr genau hinschauen, um die Philosophie, die Rolf Steiner und sein Team verfolgen, nachzuvollziehen: diese Aussagen gelten nur, wenn man als Anbieter sich ganz konsequent auf das Geschäft mit Verlags- und Versandprodukten sowie Katalogen und Beilagen fokussiert. Andere Akzidenzprodukte (Flyer, Visitenkarten, Briefschaften, Werbematerialien usw.), wie sie bei der überwiegenden Mehrheit der Schweizer KMU-Druckereien produziert werden, haben in dieser Betrachtung keinen Platz. Für eine Druckerei, die von allem etwas macht, ist eine Rollenmaschine keine Alternative, die Bogenmaschine der richtige Kompromiss. Die Bogendrucker setzen in der Regel auf die Diversifikation, weil der Markt in ihren Augen gar nichts anderes zulässt, der Rollendrucker hingegen setzt auf Fokussierung. In einem überall schrumpfenden Markt braucht es natürlich viel Mut, auf eine Fokussierungsstrategie zu setzen. Was ist nun das Geheimnis des Weges, den die Vogt-Schild Druck AG beschreitet? Salopp gesagt, könnte man von der Diversifizierung innerhalb einer klaren Fokussierungsstrategie sprechen. Konkret auf die Investition der Vogt-Schild Druck AG gilt: um diese Ideen umzusetzen, brauchte es eine Lösung, die vom gängigen Standard abweicht. Darum redet Rolf Steiner sinnigerweise auch von der «weltweit modernsten Druckintegration».

Gemäss ihm umfasst sie neun wichtige Highlights:

1. Highlight: Die Rollenlogistik hat man umfassend modernisiert. Angestrebt wurde die höchstmögliche Automatisierung bei der höchstmöglichen Flexibilität. So wurde viel Engagement in eine halbautomatische Auspackstation und vernetzte Arbeitsvorbereitungsplätze investiert. Einrichtung von vier vollautomatischen Parkpositionen für klebevorbereitete Rollen (ähnlich wie im Zeitungsdruck). Durch die bauliche Erweiterung braucht es keine Aussenlager mehr. Die gesamte Rollenlogistik ist auf Barcode-Steuerung umgestellt worden. Schon vor dem Kauf der neuen Maschine hat man ein spezifisches Papiersortiment, die sogenannte Vogt-Schild-Selection (VS-Selection), eingeführt.

2. Highlight: Automatischer Plattenwechsel, spezialisiert für viele Sortenwechsel (fliegender Plattenwechsel mit Dynachange).

3. Highlight: Ein fünftes Druckwerk für Pantone Farben, Lacke und Veredelungen.

4. Highlight: Längster Trockenofen an einer Rollenoffsetmaschine in Europa (rund 30% länger als bei vergleichbaren Installationen). Dadurch eine markant bessere Trocknung generell für alle Papiere, spezifisch für Naturpapiere. Viel weniger Wellenbildung. Rückbefeuchtung und Silikonauftrag in der Anlage integriert.

5. Highlight: Umfangreiches Mess- und Überwachungssystem mit Kamerasystemen an verschiedenen Positionen in der Anlage für Farbregister, Dichteregelung, Schnittregister. Weiteres Detail: statt Einsatz einer bewegten Kamera, die über die Papierbahn fährt, Einsatz mehrerer nebeneinander fest installierter Kameras über die Bahnbreite. Das ermöglicht kürzere Regelzyklen, präzisere Farbregelung mit weniger Makulatur.

6. Highlight: Papierbahnüberwachungssystem «Procemex», welches Papierdefekte in der Produktion erkennt und protokolliert.

7. Highlight: Ein leistungsfähiger Falzapparat für 4 × 4 Seiten, 2 × 6 Seiten, 2 × 8 Seiten, mit Magnetbremsen im dritten Falz. Diese Applikation ermöglicht es Papiergewichte bis 160 g/m2 (für Umschläge) zu verarbeiten. Auch braucht es keine halben Rollen mehr für gewisse Produktionen.

8. Highlight: Automatischer Auftragswechsel gemäss der «One Touch»-Philosophie.

9. Highlight: Ein-Mann-Leitstand-Konzept mit Bedienung der Maschine von jedem beliebigen Standort (unter Verwendung von Mobilepads). Rolf Steiner dazu: «Wir wollten keine Standardapplikation, sondern etwas, was in der Branche europa- oder sogar weltweit eine USP-Lösung darstellt. Viele der an der Maschine und im Rollenkeller umgesetzten Ideen basieren zwar alle auf Standardtechnologien, wurden aber in dieser Form noch nie miteinander integriert.»

Gegen den Strom

Die Vogt-Schild Druck AG nennt ihre Lösung «publish creative, print different». Rolf Steiner geht noch einen Schritt weiter: «Wenn man heute im Druckgeschäft noch erfolgreich sein will, muss man gerade aus der Schweiz heraus anders sein, den Mut haben gegen den Strom zu schwimmen. Wir müssen auf der Kostenseite uns so weit wie möglich an das europäische Preisniveau anpassen. Es sind ja nicht nur die Lohnkosten, die da eine Rolle spielen. Die Quadratmeterkosten oder die Transportkosten sind bei uns auch ein gutes Stück höher als im Euroraum. Das sind Faktoren, die wir nur bis zu einem gewissen Grad selber beeinflussen können. Also bleiben uns nur diese Massnahmen: wir müssen viel effizienter sein als unsere Mitbewerber, wir müssen deutlich flexibler sein, und wir müssen echte Mehrwerte anbieten können. Mit der umfangreichen Neuinvestition sind wir genau diesen Weg gegangen.»

Dabei geht es nicht nur um die Investition in Technologie oder Mechanik. Sondern um Ideen. Wie beispielsweise das VS-Selection-Papiersortiment. Hier handelt es sich um ein klar strukturiertes Lagepapiersortiment, welches die verschiedenen Bedürfnisse abdeckt. Dieses Papier wird zu attraktiven Konditionen eingekauft und ist jederzeit erhältlich. Grundsätzlich ist die Idee mit dem «Lagerpapier» ja nichts neues, doch mit der «VS-Selection» hat man dieses Konzept deutlich ausgeweitet. Auch geht man aktiv auf die Kunden zu, sich für die «VS-Selection» zu entscheiden. Gemäss Rolf Steiner wächst das Interesse an der «VS-Selection » immer mehr: «Das ist ebenfalls ein Beispiel gegen den Strom zu schwimmen. Die meisten Druckereien versprechen ihren Kunden alles, wir sagen ganz klar, das beste Preis-/ Leistungs-Paket erhalten sie nur, wenn sie sich für eine vorgegebene Standardlösung entscheiden. Und immer mehr Kunden machen da mit. Für alle diejenigen, welche eine individuelle Papierlösung wollen, bieten wir das natürlich weiterhin mit voller Flexibilität an. Es ist eine Differenzierung des Leistungsangebots, die in anderen Branchen schon längst üblich und akzeptiert ist, nur bei uns tut man weiterhin so, als könnte man alles allen zum gleichen Preis und zur gleichen Leistung anbieten.»

Was wollen Kunden morgen

Die Vogt-Schild Druck AG hat mit ihrer Neuinvestition einen wichtigen Schritt getan, sich die Zukunft zu sichern. Dabei hat man aber nicht einfach eine neue, leistungsfähigere Maschine gekauft, sondern sich von Anfang an die Frage gestellt, was die Kunden heute und vor allem morgen wollen. Diese Überlegungen sind in das Projekt eingeflossen. Das sieht man auch: bei der Betrachtung verschiedenster Druckmuster und Aufträge muss man Anerkennung zollen. In Derendingen werden mit der neuen Maschine Produkte auch auf schwierigsten Papieren in einer Qualität hergestellt, die man so bis anhin im Rollenoffset nicht gesehen hat. Ob all diese Überlegungen und Möglichkeiten am Ende auch die richtigen Resultate bringen, können Rolf Steiner und sein Team natürlich nicht garantieren. Aber man ist mit dem eingeschlagenen Weg wohl besser gerüstet als viele Mitbewerber, die nach wie vor keine klaren Vorstellungen haben, wo sie und die Branche sich in vier oder fünf Jahren befinden werden. Die Vogt-Schild Druck AG hingegen weiss sehr genau, in welche Richtung sich das Unternehmen entwickeln soll.

Text: Paul Fischer

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